Volksstimme, Herr Schmidt, wer geht besser mit seinen Füßen um, der Marathonläufer oder der Couch-Potato?

Norbert Schmidt: Das ist eine gar nicht so einfache Frage. Es hängt davon ab, was für Schuhe der Marathonläufer und der Couch-Potato tragen. Leider gibt es unter den Hobby-Läufern viele, die mit ungeeignetem Schuhwerk unterwegs sind. Der professionelle Marathonläufer hingegen hat gut sitzende und individuell angepasste Schuhe, welche seinen Füßen bei der Belastung optimalen Halt geben und an die besondere Anatomie seiner Füße angepasst sind. Dies ist mittlerweile übrigens kein Luxus mehr, die Anzahl der Hobby-Läufer, die sich Schuhe anpassen lassen, steigt.

Was können Eltern von kleinen Kindern tun, um Fehlstellungen wie den Senk-, Spreiz- und Knickfuß zu verhindern beziehungsweise entgegen zu wirken?

Hier müssen wir die Problematik differenziert betrachten. Es gibt angeborene Fehlstellungen, welche konsequenter kinderorthopädischer Betreuung bedürfen. Diese werden in der heutigen Zeit, den U-Untersuchungen sei Dank, frühzeitig erkannt und entsprechend weiterbehandelt. Auf der anderen Seite wiederum gibt es die erworbenen Fehlstellungen, die häufig mit falschem Schuhwerk in Verbindung gebracht werden können. Hier spielt die Auswahl der Alltagsschuhe eine große Rolle. Nicht zu vergessen ist auch die große Rolle der Genetik – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – zum Beispiel haben 63 Prozent der Hallux-valgus-Patienten Eltern oder Großeltern, die ebenfalls daran leiden.

Worauf sollen Eltern also beim Schuhkauf achten?

Der Fuß eines Kleinkindes wächst 1,5 Millimeter pro Monat, der Fuß eines größeren Kindes einen Millimeter pro Monat. Das bedeutet, dass man die Schuhe entsprechend zwölf Millimeter (zwei Schuhgrößen) größer kaufen muss, um den Fuß des Kindes beim Wachsen nicht einzuengen. Leider Gottes fallen aber Schuhe je nach Hersteller nicht immer gleich groß aus – eine europaweite Norm gibt es nicht. Eine bessere Methode wäre es, Pappschablonen von beiden Füßen des Kindes anzufertigen. Dabei legt man den Fuß auf ein Stück Pappe und ummalt die Konturen des Fußes. Beide Schablonen werden ausgeschnitten und aufeinander gelegt. Meistens ist eine Schablone etwas größer – Kinderfüße können bis zu sechs Millimeter unterschiedlich groß sein. Diese größere Schablone ist die entscheidende.

Und dann?

Gehen Sie ins Geschäft und nehmen Sie die herausnehmbare Einlegesohle aus dem Schuh, den sie für Ihr Kind kaufen möchten und legen Sie die Schablone darauf. Die Einlegesohle sollte zwölf Millimeter länger als ihre Schablone sein. Vergessen Sie bitte die Methoden, die sie noch von Ihrer Mutter kennen wie die Daumenmethode, bei der diese mit dem Daumen die Schuhspitze eindrücken, um zu tasten, wo die Zehen sind.

Warum, was kann daran falsch sein?

Viele Kinder krallen bei zu engen Schuhen unbewusst die Zehen zusammen. Auch die Methode, bei der man den Fuß an die Laufsohle hält, macht gar keinen Sinn, da diese zu der Innengröße des Schuhs in keinem Zusammenhang steht. Ebenso bitte nicht den Fuß des Kindes bis an die Schuhspitze schieben und sehen ob an der Ferse noch eine Daumenbreite hineinpasst. Nur weil Ihr Kind schmerzfrei die Zehen zusammenkrallen kann und Ihr Daumen hineinpasst, heißt es noch lange nicht, dass auch die Schuhe dem Kind passen. Neben der Innenschuhlänge sind auch Breite, Spannweite und der verfügbare Zehenraum wichtig. Ebenso können auch zu kurze oder zu enge Socken die Fußgesundheit negativ beeinflussen.

Kranke Füße sind oft ein Problem der älteren Generation, wurde das Problem in früheren Jahren unterschätzt?

Fußerkrankungen werden generell häufig unterschätzt und auch in der Orthopädie oft stiefmütterlich behandelt. Die Erkrankungen des Fußes sind ein sehr komplexes und unwahrscheinlich großes Fachgebiet. Für die Beschwerdesymptomatik spielen nicht nur Veränderungen an den Knochen eine Rolle, sondern auch unter Umständen Veränderungen beziehungsweise Dysbalancen der Sehnen, der Muskeln, des Fußes und des Unterschenkels. Vereinfacht gesagt, kann der Schmerz in der Großzehe als Ursache eine Fehlstellung in der Ferse haben. Leider kommen Patienten manchmal erst sehr spät zum Fußchirurgen, um sich untersuchen und behandeln zu lassen.

Sollten Kinder häufig barfuß laufen? Auch im Winter?

Kinder sollten so viel wie möglich auf unterschiedlichsten Untergründen barfuß laufen, im Haus natürlich auch im Winter, sofern der Boden warm genug ist. Mit Erschrecken beobachte ich seit einigen Jahren die motorische Unterentwicklung vieler Kinder – kaum ein Kind kann heutzutage auf der Bordsteinkante balancieren. Entsprechend fehlt der Muskeltonus in der Unterschenkel- und Fußmuskulatur: Fehlstellungen in den Füßen und Sprunggelenken sind vorprogrammiert.

Wo liegen die häufigsten Ursachen für Fußfehlstellungen?

Ursache Nummer eins ist falsches Schuhwerk, zu kurze, zu schmale Schuhe und Exemplare mit zu hohem Absatz. Ursache Nummer zwei ist die genetische Vorbelastung. Zudem können neurologische Erkrankungen oder angeborene Fehlstellung die Ursache einer Fehlstellung sein.

Hat ein Patient Einlagen verschrieben bekommen, soll er sich viel bewegen oder eher Zurückhaltung üben?

Schuheinlagen sollen zu einer Druckentlastung an bestimmten Stellen des Fußes führen, damit der Patient sein Leben wieder schmerzfrei oder schmerzärmer meistern kann. In der Praxis höre ich leider häufig den Satz: Ich habe zwar Schuheinlagen verschrieben bekommen, trage sie aber nicht, weil ich mit ihnen mehr Schmerzen im Fuß habe als ohne. Mein Rat: Verstehen Sie Ihre Schuheinlage wie einen Handschuh oder wie eine Zahnprothese, die nach einem Abdruck gefertigt wurde. Es kann durchaus sein, dass der Orthopädietechniker eventuell bei Schmerzen nur eine Kleinigkeit anpassen muss, damit Sie dann mit Ihrer Schuheinlage wie auf Wolken schmerzfrei laufen. Wenn Sie mit Schuheinlagen mehr Schmerzen haben also ohne, dann passt die Schuheinlage einfach noch nicht perfekt.

Lassen sich Probleme wie Hammerzeh oder Fersensporn operativ behandeln? Was passiert dabei?

Die meisten Fehlstellungen lassen sich mit mehr oder minder komplexen Eingriffen beseitigen. Allein für die Korrektur einer Hallux-valgus-Deformität gibt es 150 Operationsmethoden. Vereinfacht gesagt, werden Knochen wieder in Normalstellung gebracht und das Ergebnis wird mit Schrauben oder Platten gesichert. Es stehen aber auch viele Eingriffe an den Weichteilen, Sehnen und Bändern zur Verfügung. Die Genesungszeit ist aber je nach Schweregrad der Deformität sehr unterschiedlich, kann von zwei bis acht Wochen variieren. Generell gilt aber: Eine Fehlstellung früh und in milderer Form erkannt, in Angriff genommen und korrigiert, erspart komplexere Eingriffe.